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Endlich frei!

Menschen mit einer neuen Idee gelten so lange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat. (Mark Twain)

Als sich vor wenigen Jahren der Verein gründete, um für freie Digitalfotografie in Österreich zu kämpfen, wurden wir nur müde belächelt. Heute sind es wir, die lächeln: Die Fotografie in Österreich ist frei!

Die Reglementierung des Fotografengewerbes, die bereits 1858 vorwiegend aus Gründen des Gebietsschutzes und des Schutzes vor Konkurrenz in die neue Gewerbeordnung aufgenommen worden war, hatte 155 Jahre lang in den Gesetzesnovellen überlebt gehabt, wie eine nicht auszurottende Krankheit, die länger als so manches andere Gewerbe bestand. Jetzt endlich wurde eine Regelung endgültig aufgehoben, die eigentlich schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges weitgehend obsolet war, als die Kleinbildkameras mit 35mm-Rollfilm-Patronen ihren Siegeszug angetreten hatten.

Jedermann konnte damals, kurz nach dem Krieg, in Badezimmern mittels Badewannen, Spülen, Leinen, Klammern und einigen leicht beschaffbaren Chemikalien die heimische Wohnung in ein nahezu professionelles Fotolabor verwandeln. Zu den Pionieren der Badewannen-Laboranten gehörte zum Beispiel Pierre Gassmann, der “stundenlang im Dunkeln über Badewanne und Bidet seiner Wohnung gebeugt” bald für Munkacsi, Kertész, Bresson, Capa, Man Ray, und viele andere Legenden der Fotografie – mit einfachsten Mitteln – Prints von höchster Qualität anfertigte. Auch Gassmann war klassischer Autodidakt, wie so viele der ganz Großen.

Doch die österreichische Reglementierung überlebte diese Vereinfachungen, ebenso wie auch die nächsten, als die ersten technischen Hilfsmittel in den Kameras Einzug hielten: Autofocus, Winder, Belichtungsautomatik, Wechseloptiken mit Electrofocus, das Fotografieren wurde mehr und mehr simplifiziert, aber die Zugangsbeschränkungen blieben unverändert. Schlimmer noch, die Vorgaben für die zuletzt wieder eingeführte Meisterprüfung wurden eher verkompliziert, sodass der Zugang weiter erschwert wurde. Mehr und mehr totes Fachwissen wurde in Österreich dem Prüfungsstoff für die Meisterprüfung zugeschlagen, während sich im Rest der Welt die Erfordernisse der professionellen Fotografie nur weiter vereinfachten.

Erst das absehbare Ende der Analogfotografie entzog den Gegnern der Freigabe nun die letzten Argumente, da heute keine Chemikalien und komplizierten Apparate mehr notwendig sind, um zu vollprofessionellen Ergebnissen zu gelangen. 2003 gab Deutschland spät aber doch das Gewerbe frei, 2009 schaffte die Schweiz als einer der letzten europäischen Nationen den Meisterzwang ab, nur Österreich verharrte wie versteinert.

Wirtschaftsminister Mitterlehner verfolgte dann letztes Jahr die konkrete Durchsetzung der Freigabe, nicht zuletzt, um die geforderte europaweite Harmonisierung der Dienstleistungsrichtlinie voranzutreiben. Den großkoalitionären Vertretern im Wirtschaftsausschuss Steindl und Matznetter gelang es jedoch ein letztes Mal – wie in einem dramatischen Spaghetti-Western kurz vor dem Finale – Minister und Parlamentarismus zu düpieren, und einen Zustand zu schaffen, der fataler Weise vollends den in der EU-Dienstleistungsrichtlinie verlangten europaweit einheitlichen Marktzugängen widersprach, und dessen Anfechtung durch unseren Verein bereits in Arbeit war. Dem kam der Verfassungsgerichtshof zuvor, der einer inzwischen international gebräuchlichen Logik folgte, und die Reglementierung auch in Österreich als nicht mehr zeitgemäß und angemessen betrachtete. Charmant wie meistens bezeichnete daraufhin Bundesinnungsmeister Strauss die obersten Richter der Republik Österreich als “ein paar ahnungslose Richter, die von Handwerk und Gewerken keine Ahnung haben” (lt. Tageszeitung die Presse). Wir behaupten das Gegenteil!

Erich Lessing hatte uns einst im Bemühen um die Befreiung der Fotografie Glück und Erfolg gewünscht und gehört zu den Unterstützern der ersten Stunde, wir sagen: Vielen Dank! Wir danken ebenfalls Gerhard Hinterleitner, Lisi Specht und Jürg Christiandl für ihren unermüdlichen Einsatz für die Befreiung, Florian Hirzinger und Mark Vandaar für Ihre inspirierende Mitarbeit, Gerhard Sokol für seine moralische Unterstützung, Markus Landerer für seinen Ideenreichtum und den vielen, vielen anderen Helfern und Mitstreitern, ohne welche die Freigabe nicht möglich gewesen wäre.

Möge das Licht mit uns sein!

Viktor Zdrachal